Die Idee klang erst einmal einfach. Du sagst der App, was dich interessiert: Politik, Fotografie, Reisen, Design oder Sport. Blogbox sucht die passenden Beiträge und baut daraus dein Magazin.

RSS-Reader funktionierten damals anders. Man musste die Blogs schon kennen und einzeln abonnieren. Wir wollten bei den Themen anfangen, nicht bei den Quellen. Dafür musste Blogbox jeden neuen Artikel automatisch einordnen.

Ein Feed wusste, dass ein neuer Text da war. Nicht, worum es darin ging.

Blogbox auf einem iPad mit Themenliste und automatisch zusammengestellten Artikeln
Blogbox 2.0 auf dem iPad. Links die gewählten Leidenschaften, rechts das daraus gebaute Magazin.

Zwei Ideen für die Sortierung

Wir hatten dafür zwei Ansätze. Der erste arbeitete mit Ontologien. Das sind fertige Bedeutungsbäume. Sie enthalten Schlagwörter und bilden ab, wie diese miteinander zusammenhängen. So konnte ein Artikel mehrere Themen bekommen und in verschiedene Gruppen einsortiert werden.

Bei diesem Weg haben wir eng und sehr gut mit TopicZoom zusammengearbeitet. Deren System war für die damalige Zeit wirklich gut. Wir schickten Überschrift und Text eines Artikels hin und bekamen gewichtete Themen zurück. Daraus baute unser Backend die Ressorts der App.

Ein Text über eine Alpenüberquerung konnte dadurch gleichzeitig unter Reisen, Radsport und Abenteuer auftauchen. TopicZoom war am Ende das System, das im Alltag funktioniert hat.

Unser Versuch mit Machine Learning

Parallel haben wir selbst mit Machine Learning experimentiert. Die Idee war, dass ein System aus Beispielen lernt, statt nur einem fertigen Bedeutungsbaum zu folgen. Wir probierten Algorithmen aus und entwickelten eigene Ansätze weiter.

Im Versuch sah manches davon gut aus. Im Alltag war es schwieriger. Jeden Tag kamen neue Texte hinzu, oft sehr unterschiedlich geschrieben. Fehler durften nicht unbemerkt durch das ganze Magazin laufen.

Wir haben versucht, daraus ein System zu machen, das jeden Tag zuverlässig läuft. Fertig bekommen haben wir es nicht. TopicZoom blieb die Lösung, auf die wir uns verlassen konnten. Auch das gehört zur Geschichte von Blogbox.

Was KI heute anders macht

Machine Learning ist mit der heutigen KI-Entwicklung sehr viel weiter. Aktuelle Sprachmodelle verstehen Zusammenhänge und Mehrdeutigkeiten besser als die Verfahren, die wir damals hatten. Sie können Texte sortieren, zusammenfassen und ähnliche Artikel miteinander verbinden.

Eine neue Blogbox würde wahrscheinlich beides kombinieren. Eine Ontologie könnte feste redaktionelle Regeln vorgeben. Ein lernendes Modell könnte mit neuen und uneindeutigen Texten umgehen.

Blogbox war deshalb noch keine frühe KI-App. Aber die Frage war dieselbe: Wie viel muss eine Maschine von einem Text verstehen, damit daraus eine brauchbare Auswahl entsteht?

Was davon in der App ankam

Die Nutzer sahen keine Gewichtungen und keine Bedeutungsbäume. Sie wählten Themen. Die Quellen standen weiterhin an jedem Artikel, bestimmten aber nicht den Aufbau des Magazins. Jede Titelseite sah ein bisschen anders aus.

Ganz ohne Redaktion ging es trotzdem nicht. Wir prüften die Blogs, ergänzten feste Zuordnungen und ließen unpassende Beiträge melden. Die Maschine sortierte die Artikel. Welche Quellen überhaupt in die App kamen, entschieden weiterhin wir.

Blogbox startete auf dem iPad. Später kamen das iPhone und 2014 Android dazu.

Keine Zeitung zum Hineinzoomen

Viele Zeitungs-Apps waren damals PDF-Reader. Man sah die gedruckte Seite und konnte hineinzoomen. So blieb die Ausgabe mit ihrer Hierarchie und ihrem Layout erhalten.

Wir wollten etwas anderes. Texte sollten sich an den Bildschirm anpassen. Schrift, Bilder und Navigation gehörten für uns direkt in die App. Auf dem iPhone und iPad las sich das besser.

Warum wir die App abgeschaltet haben

Parallel nutzten wir die Technik für Magazine von Verlagen und Unternehmen. Dorthin wanderte unser Schwerpunkt. Es war klarer, wer das Produkt kaufte und welches Problem es löste.

Die App brauchte ständig Pflege. Blogs änderten ihre Feeds, Webseiten ihr HTML und die Betriebssysteme ihre Anforderungen. Für eine kostenlose Magazin-App fanden wir kein Geschäftsmodell, das diesen Aufwand dauerhaft bezahlt hätte.

Irgendwann schalteten wir das Backend ab. Damit war auch die App am Ende, denn ihre Inhalte wurden bei jedem Abruf neu gesammelt und sortiert.

Was geblieben ist

Wenn ich heute auf Blogbox schaue, bleiben für mich zwei Dinge. Automatische Sortierung muss im Alltag funktionieren. Und digitale Inhalte brauchen eine Form, die zum Gerät passt.

Blogbox ist Geschichte. Die beiden Fragen dahinter finde ich immer noch interessant: Wie versteht eine Maschine einen Text? Und wie wird daraus etwas, das Menschen gern lesen?